„Ich wollte nie Bücher lesen, ich wollte immer lieber das Leben da draußen sehen.“

Angelo Basilikos dreht routiniert einen Joint, zündet ihn an und nimmt einen tiefen Zug. „Na bitte, Olympisches Feuer, Joint vom Kapitän!“, brummt er zufrieden mit seiner Bud-Spencer-Stimme und fängt an, zu erzählen. Wie der Bulle des Nachbarn umfiel und tot liegen blieb, als er ihm als Zwölfjähriger einen Stein an den Kopf geworfen hatte, wie er daraufhin heimlich auf den LKW des Gemüsehändlers kletterte und vor dem Zorn seines Vaters nach Thessaloniki floh und dort als Matrose auf einem Schiff anheuerte.

„Die brauchten eigentlich keinen Seemann, aber dem Kapitän gefiel, dass ich ihm Respekt gezeigt habe.“ Auch ihm ist Respekt wichtig und wird ihm der nicht entgegengebracht, kann der freundliche Charakterkopf ungemütlich werden. „Das hat mich vor zwei Jahren in den Knast gebracht“, erzählt er. Drei betrunkene Jugendliche hätten ihn damals in der Schanze beleidigt und Bier in seinen Instrumentenkasten geschüttet. Als einer ihn dann auch noch an seinem wallenden Bart gezogen habe, habe er rot gesehen: „Da war es entweder der oder ich.“ Er präsentiert einen abgebrochenen Knotenstock: „Den hat mir mal ein Zimmermann geschenkt, den hatte ich dabei und dann krack, krack, krack“, ruft er und lässt den Stock dabei auf drei imaginäre Köpfe sausen. „Dafür habe ich dann ein Jahr bekommen.“

Seit Weihnachten sei er nun wieder zu Hause, aber die Wohnung seitdem immer noch ein bisschen durcheinander, entschuldigt er sich und räumt Kleider vom Sofa. An den Wänden hängen verschiedene Saiteninstrumente und eine griechische Flöte, dazwischen Fotos, die ihn über die Jahrzehnte zeigen: Gut sieht er auf allen aus, braungebrannt, mal im Anzug, mal in Badehose und immer kahl rasiert – und auf allen Fotos stehen ebenso gutaussehende Frauen an seiner Seite. „Ich kam gut an und hab Musik gemacht, da hatte ich viele Feinde wegen der Frauen, egal wo ich war, Amerika, Australien, Cape Town oder Israel.“ Man sieht Basilikos an, dass er viel erlebt hat und wenn er erzählt, scheint er seine wilden Geschichten aufs Neue zu durchleben. Dann rollt er mit den Augen, plustert die Backen auf, flüstert, knurrt, lacht und gestikuliert. Man muss ihm einfach zuhören. Ob er all seine Geschichten genau so erlebt hat? Wer weiß das schon. Geschenkt.

Die meisten Hamburger kennen ihn als den singenden Kapitän, der als Straßenmusiker in der Schanze oder in Bars und Restaurants mit seiner Bouzouki auftritt. „Ich wollte nie Bücher lesen, ich wollte immer lieber das Leben da draußen sehen. Deswegen liebe ich es, Musik in Bars oder auf der Straße zu machen.“ Das Musizieren bringt er sich selbst bei, erst später zeigt ihm dann ein Gitarrist, wo auf dem Instrument welcher Ton liegt. „Ich habe gute Ohren, das ist das Wichtigste. Ich höre ein Lied und kann mich dann genau daran erinnern.“ Er schnappt sich seine Bouzouki und spielt und singt drauf los: „Vom Albersplatz zur Großen Freiheit, St. Pauli by night, baby… das ist eine neue Idee, die ich gerade hatte“, sagt er.

Nach seiner Flucht von zu Hause, erzählt Basilikos, fährt er insgesamt 16 Jahre lang zur See, mit Pausen. In denen geht er – oft spontan – in einer fremden Stadt von Bord, tritt dort eine Zeit lang als Sänger auf oder arbeitet im Nachtleben, feiert und nimmt Drogen. Doch nach einer Weile hat er davon immer wieder genug. „Dann hab ich Freunde, Frauen, die Arbeit, Geld, alles zurückgelassen und wollte wieder auf ein Boot. Dann war ich frei!“, strahlt er erleichtert. Dass es ihn damals immer wieder aufs Meer gezogen habe, habe ihm das Leben gerettet, glaubt er im Rückblick. Denn viele, die er aus dieser Zeit gekannt habe, seien keine 50 Jahre alt geworden.

In Hamburg landet Basilikos – natürlich – wegen einer Frau. Er ist gerade in Amerika, als er einen Anruf von einer Hamburgerin bekommt: „Angelo, ich bin schwanger. Willst du mich heiraten?“ Das tut er und beendet seine Zeit auf See, vor mittlerweile 38 Jahren. Aber auch in der neuen Heimat geht es abenteuerlich zu. Er erzählt eine Anekdote, wie er sich hier zurechtgefunden habe: „Ich hab mal in Amerika trainiert, beim Roulette mit der Kugel einen Zahlenbereich zu treffen“, erzählt er. Dank dieser Fertigkeit habe der Betreiber eines illegalen Casinos auf St. Pauli ihn eingestellt und an dem Gewinn beteiligt. Da sei der Rubel gerollt, erzählt er mit funkelnden Augen und von seinem Anteil am Gewinn habe er für seine neu gegründete Familie ein Haus in Flottbek gekauft. Natürlich ist dies nicht das Happy-End: „Es gab eine Scheidung und ich bin mit einem Koffer in der Hand und einem guten Anzug ausgezogen, hab das Haus und alles dagelassen.“ So gut er bei Frauen lande, so wenig wolle er sich auf ewig binden.

„Jetzt bin ich 71 und kann das nicht mehr mit dem Nachtleben.“ Er zeigt ein Foto seines griechischen Heimatdorfes, malerisch in einer Bucht gelegen. Dort will er nach Ostern eine alte Strandbar wiedereröffnen. „Da wird es am Strand eine Bühne geben, da spielen dann Künstler, alte Freunde und junge Talente.“ Betreiben sollen die Bar ein paar junge deutsche Bekannte. Er selber will dort nur noch ab und an vorbeischauen und ansonsten in einem Haus in den Bergen in einem Olivenhain leben, das er geerbt hat. „Jedes Jahrzehnt hat seine eigenen Früchte“, sagt Angelo, „und jetzt freue ich mich auf die Ruhe dort und die Natur.“

Text von Friedrich Weiß.